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Choose your own Adventure

Die Spieleschmiede Neon Lynx wirbelt den Mobile Games Markt mit einem neuen, einzigartigen Konzept auf: Ein spielbarer Roman für das Smartphone, der sich gezielt an ein weibliches Publikum richtet. Das Spiel zieht Inspiration von “choose your own adventure” Büchern, bei denen LeserInnen aktiv den Verlauf der Geschichte beeinflussen. Wir sprechen mit Gründerin Sophia und PR-Expertin Elisabeth über staubige Dachböden, verstaubte Geschlechtsvorstellungen und lange Nächte mit Rotwein.

Woher kam der Name Neon Lynx?

Sophia: Naja, die Domain war noch frei! Aber im Ernst: Ich kenn viele Firmen im IT-Bereich mit ausgefallenen Namen und Logos, die ich mir überhaupt nicht merken kann. “Da gibt es doch diesen einen guten Programmierer bei.. Wie heißt das noch?” Deswegen wollte ich einen einfachen Namen. Und der Luchs ist ja auch ein tolles Tier, der wird mir immer sympathischer, je mehr ich über ihn erfahre. 

Sophia, wie bist Du in die Games-Branche eingestiegen?

Sophia: Ich hatte vorher absolut nichts mit Games am Hut, ich hatte eigentlich in der Modewelt mein Zuhause. Zu den Spielen bin ich gekommen wie die Jungfer zum Kind.

Ihr arbeitet alle zusammen an einem Spiel. Wie kann ich mir das vorstellen?

Sophia: An einen Abend erinnere ich mich besonders. Wir mussten die großen Fragestellungen in der spielinternen Logik lösen. Das geht am besten am Stück, sonst kommt man zu schnell raus aus der Materie. Wir haben uns dann eine Wohnung gemietet, und drei Tage und zwei Nächte mit viel Rotwein durchgearbeitet.

Ihr nennt euer Spiel ein “choose your own adventure” (gestalte dein eigenes Abenteuer). Die erste Assoziation für viele Bücherwürmer sind sicherlich die Taschenromane, die in den 90er und 2000er Jahren beliebt waren: “Wenn du den unheimlichen Keller weiter erforschen willst, gehe jetzt zu Seite 34.”

Sophia: Ja, das ist es! Super, dass das noch so viele kennen. Das war tatsächlich der Ursprung der ganzen Sache. Ich war zu Besuch bei meiner Mutter, um alten Kram abzuholen. Auf dem verstaubten Speicher ist mir dann dieses “choose your own adventure” Buch entgegen gefallen. Und da fand ich mich dann, wie ich im warmen Speicher sitze, die Staubkörner flirren durch das Sonnenlicht, es riecht nach altem Teppich und ich verliere mich im Buch. Weil man eben so furchtbar viel herumblättern muss in diesen Büchern dachte ich mir: Das Smartphone wäre doch perfekt für dieses Format. In diesem Augenblick entstand die Idee für “RunWithMe”. Dann hab ich mich informiert, was es in diese Richtung schon gibt und war überrascht, so wenig vorzufinden. Es gibt tatsächlich nur eine handvoll Spiele mit einer ähnlichen Idee.

Und was macht Eure Konkurrenz so?

Sophia: Es ist.. schlimm. Einerseits gibt es da eher an high-fantasy (anspruchsvolle Fantasiewelten) orientierte Spiele, die fast ausschließlich an Männer gerichtet sind. Für Frauen gibt es dann diese visual novels (visuelle Romane). Das sind oft Lovestory-ähnliche Spiele, die sind eine absolute Katastrophe. Wir haben einige davon angetestet. Ich erinnere mich noch an eine Szene, wo ich das Spiel verloren habe, weil ich nicht das passende Kleid für meine Hochzeit an hatte. Da ist das 19. Jahrhundert ja modern dagegen.. 

Bildrechte © Neon Lynx. Alles auf Hochtouren: Hier bekommt der Hermelin-Drache seine letzten Schliff verpasst. “RunWithMe” ist in der letzten Entwicklungsphase und wird im Mai 2022 in AppStores und PlayStores zu finden sein.

Abenteuerromane werden am stärksten von der Story getragen. Worum geht es in RunWithMe?

Sophia: Die Protagonistin ist Lia, eine 17-jährige Schülerin, die ein ziemlich normales Leben führt. Doch es treten immer wieder Anomalien auf. Eines Tages sieht sie einen Drachen unter dem Asphalt durchfliegen und merkt: Irgendwas stimmt hier nicht. Sie findet heraus, dass es einen Kampf gibt, der unbemerkt tobt, in dem sie vielleicht selber eine zentrale Rolle spielt. Natürlich versuchen die verschiedenen Parteien und Fraktionen, die Spielerin auf ihre Seite zu ziehen. Die schwierige Entscheidung ist dann, wem man vertraut und wem nicht. 

Eli: Natürlich gibt es bei uns im Studio auch Favoriten, das Marketingteam hat sich schon klar positioniert!

Sophia: Es gibt im Grunde drei große Parteien: Ein dunkler Zauberer, ein Wüstenkämpfer und eine Untergrundrebellin. Natürlich interessiert mich brennend, wo bei unserem Publikum die Sympathien liegen. 

Und diese story spielt in einer Großstadt. War Frankfurt eine Inspiration für Euch?

Sophia: Auf jeden Fall! Die deutsche Version des Spiels ist in Frankfurt angesetzt, die englische Übersetzung dann in New York City. Es gibt so viele Spiele aus, in und über Berlin. Wir wollten etwas anderes machen. Frankfurt passt einfach perfekt für das urbane Setting des Spiels.

Bildrechte © Neon Lynx. In “RunWithMe” gibt es verschiedene Filter freizuschalten, mit denen man Selfies als Waldelfe oder als Planzenwesen knipsen kann.

Im Spiel gibt es auch VR- & AR Aspekte (virtuelle Realität und erweiterte Realität). Wie habt Ihr das umgesetzt?

Sophia: Das geschieht bei uns über Filter. Im Spiel gibt es z.B. eine Gruppe von Pflanzenmenschen. Wenn ich die treffe, und wenn ich bestimmte Entscheidungen treffe, dann bekomme ich einen Filter für mein Smartphone, mit dem ich ein verändertes Foto machen kann. Zum Beispiel wachsen dann Pflanzen aus mir heraus. Unsere Hoffnung dahinter war, dass SpielerInnen untereinander ihre Erfahrungen und Selfies austauschen und dadurch auch eine soziale Komponente dazukommt. 

Eli: Aber bei uns geht’s nicht nur um’s Äußere. Die inneren Werte zählen. Wir planen eine Hörbuchversion des Spiels herauszubringen. Die würde es dann auch blinden Menschen erlauben, “RunWithMe” zu spielen. 

Sophia: Oder Leute wie wir, die jeden Tag 10 Stunden auf einen Bildschirm glotzen. Das ist eine willkommene Abwechslung!

Bildrechte © Neon Lynx. Luchsaffin: Sophia ist die Gründerin von Neon Lynx. Bei “RunWithMe” arbeitet sie sowohl an der Story, als auch an der unterliegenden Logik.

Was ist bei einem Spiel das explizit für Frauen gemacht wird anders?

Sophia: Fast ausschließlich die Story. Wobei die Plattform sich auch massiv unterscheidet. Statistisch gesehen spielen Frauen eher am Handy, Männer eher an Konsole und PC. Der Fokus ist bei uns ja auf der Handlung. Entsprechend haben wir viel in unsere Charaktere gesteckt: Die Frauenrollen sind ziemlich taff und selbstständig, und sollen zu einem gewissen Grade auch eine Vorbildfunktion einnehmen. Was die Spielmechaniken angeht, gibt es absolut keine Unterschiede zu Spielen, die eher für Männer konzipiert sind. 

Eli: Vor allem war es uns wichtig, jedem Charakter, unabhängig vom Geschlecht, eine eigene Stimme zu gehen, anstatt mit Klischees und Stereotypen ins Feld zu ziehen. Es heißt “RunWithMe” und nicht “Rette mein Leben”. Die Protagonistin ist nicht passiv. Sie rennt auch, und zur Not rennt sie alleine. 

Euer Spiel lässt sich in keine Schublade stecken.

Eli: Das stimmt. Aus Marketingsicht ist das hin- und wieder auch schwierig. Die Menschen erwarten bekannte Kategorien und Referenzen: Ego Shooter, Jump and Run und Konsorten. Wir verweisen eher auf Bücher.

Sophia: Es war schwer, ein Spiel zu erklären, was es noch gar nicht gibt. Inzwischen ist auch etwas greifbares da, das macht es deutlich einfacher. Anfangs war es nur ein Gewirr aus Code und Grafiken, inzwischen gibt es schon eine spielbare Version.

Apropos, wann können wir denn mit dem Release rechnen?

Sophia: Schon im Mai 2022, und zwar mehrsprachig! Die Baustellen werden langsam übersichtlicher, die Hörbuchversion ist für den Juli 2022 angesetzt. Wenn man ein Spiel entwickelt ist das immer ein bisschen eine Black Box: Wir wissen gar nicht, welche Spielmechaniken den SpielerInnen gefallen und welche nicht, mit wem sie sympathisieren, welche Pfade sie nehmen und viel mehr. Das interessiert uns brennend.

Was steht an in der Zukunft?

Sophia: Da wir jetzt schon die Infrastruktur und Spielengine aufgebaut haben, können wir mit wesentlich weniger Aufwand ein ähnliches Spiel machen. Wenn alles gut läuft, werden wir aufbauend auf “RunWithMe” noch ein weiteres Spiel herausbringen, vielleicht im gleichen Universum angesiedelt.

Zum Abschluss: Was ist Euer Geheimrezept für erfolgreiche Zusammenarbeit?

Eli: Es darf nie zu ernst werden, das ist wichtig. 

Sophia: Wir haben mal drei Stunden lang über die möglichen Namen für Dämonen diskutiert. Manchmal artet es wirklich aus bei unseren Treffen. Da leidet dann schon auch mal der Fortschritt beim Spiel darunter. Aber Spaß muss sein, sowohl beim Spiel, als auch beim Entwickeln! 


Website: www.neonlynx.com
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