Darf's noch etwas Kunst sein?
 

Du hast kürzlich sprudelnde Kloschüsseln und kuriose Geräusche zwischen den Supermarktregalen wahrgenommen? Dann können wir Dich beruhigen – das ist nicht die Schwelle zum Wahnsinn. Das Künstlerkollektiv „Liminal“ sorgt aktuell mit seiner Ausstellung „Neue Maßnahmen“ für skurrile Situationen in verschiedenen Einkaufsmärkten im Frankfurter Bahnhofsviertel. Beispielsweise mit einer Sound-Installation, die die Klangvielfalt des Bahnhofsquartiers in einen Kiosk bringt oder eben der 2020er Version von Duchamps Fountain. 

Mit seinen Kunstwerken möchte das Kollektiv auf den gesellschaftlichen Wandel durch die Corona-Pandemie am Beispiel des Frankfurter Bahnhofsviertels hinweisen. Berühmt und berüchtigt durch Rotlicht, Drogen und Gewalt, ist die einstige "No-go-Area" heute ein Szeneviertel, in dem so wirklich jeder anzutreffen ist. Hier treffen Tegut auf Basar, Luxuszimmer auf Fixerstube und schicker Nightclub auf verruchten Sexshop. Das Bahnhofsquartier bildet in seiner Vielfalt nahezu jede Fassette der Gesellschaft ab und ist somit ein guter Ausgangspunkt für das Projekt.

Bilder: Selina Spieß
Text: Liminal und Selina Spieß

Euer Künstlerkollektiv besteht aus 12 starken Köpfen. Wie kam es zu dem Zusammenschluss?

Liminal: Ein Teil der Gruppe lebt im Bahnhofsviertel, ist privat miteinander befreundet und beschäftigt sich zum Teil bereits künstlerisch mit den Veränderungen in unserer Gesellschaft. In langen Gesprächen während des ersten Lockdowns in 2020 entstand die Idee, die gemeinsamen Interessen, unterschiedlichen Fähigkeiten und Hintergründe zusammenzubringen. So entstand eine bunte Gruppe aus Anthropolog:innen, Sozialwissenschaftler:innen, Musiker:innen, Fotograf:innen, Kunsthistoriker:innen und Architekt:innen. 

“Rauschgedicht” von Luis Xavier Núñez ist eine Soundinstallation, die alltägliche und urbane Klänge aus dem Frankfurter Bahnhofsviertel in einen Kiosk transportiert.

“Rauschgedicht” von Luis Xavier Núñez ist eine Soundinstallation, die alltägliche und urbane Klänge aus dem Frankfurter Bahnhofsviertel in einen Kiosk transportiert.

Wie kamen die Ideen für Eure Projekte zustande?

Liminal: Der Name “Liminal” leitet sich von einer Theorie des Ethnologen Victor Turner ab, der damit die Schwellenphase zwischen dem “nicht mehr” und dem “noch nicht” beschreibt. Diese Theorie hat uns interessiert, da sie aus unserer Sicht ein sehr spannender Ansatz ist, sich mit gesellschaftlichem Wandel zu beschäftigen und diesen sichtbar zu machen.

Wie wählt ihr die Mittel zur Umsetzung Eurer Projekte aus?

Liminal: In unserer eigenen Vielfalt spiegelt sich auch unser Interesse für unsere Ausstellungen: Durch unsere Themen, unsere interdisziplinäre Herangehensweise und unsere unkonventionelle Ausstellungspraxis möchten wir so viele unterschiedliche Menschen wie möglich erreichen. Auch die Entscheidung, in Supermärkten auszustellen, gehört zum Konzept der Ausstellung. Wir wollen durch neue kreative Raum- und Ausstellungskonzepte und Kooperationen, in diesem Fall mit den Besitzern der Supermärkte, Kunst möglichst vielen Menschen zugänglich machen, einen Austausch fördern, um die vielfältigen Formen des Wandels zu reflektieren.

Was macht das Frankfurter Bahnhofsviertel als Darstellung für den gesellschaftlichen Wandel während der Corona-Pandemie besonders?

Liminal: Das Bahnhofsviertel ist ein spannendes Viertel, weil hier viele unterschiedliche Lebensrealitäten leben, arbeiten und einander begegnen. Gleichzeitig wird das Viertel in der öffentlichen Wahrnehmung häufig stigmatisiert. Das finden wir schade, denn wir leben gerne hier. Die Krise hat die Menschen des Bahnhofsviertels sehr unterschiedlich getroffen. Manche Menschen bangen um ihre Existenz, für andere geht das Leben weiter. Es ist somit durchaus auch ein Spiegel von sehr vielen parallel stattfindenden Veränderungen in unserer Gesellschaft als Ganzes.

“Fountain 2020” von Sebastian Mast spielt auf den aktuellen gesellschaftlichen Diskurs über Hygiene und Sicherheit und die derzeit eingeschränkten Lebensumstände im Bahnhofsviertel an.

“Fountain 2020” von Sebastian Mast spielt auf den aktuellen gesellschaftlichen Diskurs über Hygiene und Sicherheit und die derzeit eingeschränkten Lebensumstände im Bahnhofsviertel an.

Welche Botschaft möchtet Ihr mit „Neue Maßnahmen“ vermitteln?

Liminal: Mit unserem Projekt möchten wir nicht die eine Botschaft vermitteln. Vielmehr möchten wir einen Raum zur Reflektion verschiedener Umbrüche schaffen: Von denen, die in unserer direkten Umgebung passieren, ohne, dass wir davon mitbekommen, aber auch von Veränderungen unserer Wahrnehmung von Orten wie dem Bahnhofsviertel. Veränderungen sind nicht voneinander losgelöst. Menschen, Tiere, Pflanzen, Technik sind nicht voneinander losgelöst. Erfahrungen und Realität entstehen durch die Interaktionen dieser Akteur:innen. 

Wie sieht Eure Vision für 2022 aus?

Liminal: Wandel findet ständig statt. An Inspiration wird es daher so schnell nicht mangeln. In anderen Kontexten beschäftigen sich einige von uns gerade mit Fragen des Klimawandels und des Anthropozäns. Vielleicht wird das unser nächstes Thema. 

Background

Anfang März 2020 schloss sich das Künstlerkollektiv mit dem Namen “Liminal” zusammen. Der Name leitet sich von dem Begriff der „Liminalität“ ab, der einen Zustand des „Dazwischens“ beschreibt. Mit ihren Projekten thematisieren sie den Schwellenzustand, der mit Veränderungen in unserer Gesellschaft einhergeht. Die Ausstellung „Neue Maßnahmen“ ist noch bis Samstag, 28. März, im Frankfurter Bahnhofsviertel zu sehen. Locations: Jaffna Basar, Alim Market und Ehsan Markt.